Anschlüsse an Foucaults Gefängniskritik: Loïc Wacquant in Berlin

In der Reihe Fearless Spreech #4 / Anschlüsse an Foucault des HAU (Hebbel am Ufer) Berlin trägt am 22. Juni 2016 der Gefängniskritiker Loïc Wacquant vor. Unter dem Titel „Foucault, Bourdieu und der Gefängnisboom seit Überwachen und Strafen“ geht es um die Frage der Aktualität und Neubewertung von Foucaults Analysen.

Hier der Ankündigungstext des HAU:

Vierzig Jahre nach seinem Erscheinen ist “Überwachen und Strafen. Die Geburt des Gefängnisses” das meistzitierte sozialwissenschaftliche Buch weltweit. Doch lag Foucault mit der Geschichte der späten Erfindung des Gefängnisses und der darauf folgenden Ausbreitung der Gefängnislogik auf andere Bereiche richtig? Der französische Soziologe Loïc Wacquant wird die unaufhaltsame Expansion und die sich verändernden Modalitäten des Einschließens seit 1975 im Lichte der Foucault’schen Diagnose analysieren, um ein Modell des globalen Booms des strafenden Staats in der Ära des Neoliberalismus zu skizzieren.

Veranstaltung am 16. Juni 2016: Vortrag von Didier Fassin über ‚The Punitive Moment‘

Am Donnerstag, den 16. Juni 2016, hält Didier Fassin an der Goethe-Universität Frankfurt einen Vortrag mit dem Titel ‚The Punitive Moment‚.

14h c.t. Hörsaal 15, Hörsaalzentrum, Campus Westend, Goethe-Universität Frankfurt

(Vortrag in englischer Sprache)

In the past four decades, most Western countries have begun to implement tougher policies on crime at the very moment when crime rate was decreasing. How to account for such a repressive turn? More fundamentally, why does one punish? And since the punitive moment is marked by exceptionally high levels of imprisonment, how to characterize the carceral condition? Based on a thorough discussion of legal and philosophical theories of punishment, and on an ethnographic study conducted in a French prison over four years, Didier Fassin will attempt to answer these questions.

Didier Fassin ist Professor am Institute for Advanced Study (Princeton, USA). 2015 ist seine ethnographische Studie über das Gefängnissystem unter dem Titel L’Ombre du monde. Une anthropologie de la condition carcérale erschienen. Ab Herbst diesen Jahres ist sie auch in englischer Übersetzung unter dem Titel Prison Worlds. An Ethnography of the Carceral Condition verfügbar. Vom 15.-17. Juni wird Didier Fassin darüber hinaus die Adorno-Vorlesungen in Frankfurt halten. Weitere Informationen finden sich auf der Seite des Instituts für Sozialforschung.

 

Organisation:

KNAS[] Initiative für den Rückbau von Gefängnissen

akj Frankfurt (Arbeitskreis kritischer Jurist_innen)

Beyond the Prison. Towards a Philosophy of Decarceration

Workshop des Forschungsinstituts für Philosophie Hannover (FIPH)
Dienstag, 9. Juni 2015, von 14h – 18h
mit Franziska Dübgen, Jeanette Ehrmann, Daniel Loick und Lissa Skitolsky

Die Möglichkeit zur Anmeldung und weitere Informationen finden sich hier.

(Veranstaltung in englischer Sprache)

Ankündigungstext:
The prison is a space of social exclusion, of juridical deprivation, of moral indifference, and of economic exploitation. As such, it can well be considered as the negative other of democracy and the rule of law. In this one day workshop, scholars working in the United States and in Germany will come together to share their different philosophical perspectives on the prison and their political experiences of engagement within and against the prison.

Why should the prison and criminal justice be an urgent matter of philosophical reflection? What can philosophers learn from prisoners in developing a socially grounded philosophical critique of the prison? Do conceptions of restorative justice, decarceration and abolitionism provide a viable and democratic perspective beyond the prison?

Programm:

14h00   Welcome Remarks
Prof. Dr. Jürgen Manemann (FIPH)
14h15   Introduction
Jeanette Ehrmann (FIPH)
14h30   Justice as Vengeance: Mass Incarceration in the US and Social Death
Lissa Skitolsky, PhD
15h30   Intersectionality and Incarceration in the German Context
Dr. Franziska Dübgen
16h30   Milieu of Delinquency. Some Observations on Prison and Poverty in Germany
Dr. Daniel Loick
17h15   Concluding Discussion
Thinking Beyond the Prison: Restorative Justice, Decarceration and Abolitionism

Konzeption und Organisation: Jeanette Ehrmann

Prison sucks, Folge III

In loser Folge veröffentlichen wir hier Berichte zum Gefängnissystem in den USA. Obwohl das Ausmaß der Einsperrung und auch Geschichte und Funktion des Gefängnissystems in Amerika ganz andere sind als in Deutschland, lassen sich viele Argumente auf den deutschen Kontext übertragen.

The Atlantic beschreibt, warum die Gewalt in der Stadt durch Mass Incarceration zunimmt. Einer der wichigsten Gründe für die massenhafte Einsperrung ist Rassismus, der sich unter anderem in der so genannten school-to-prison-pipeline ausdrückt, von der vor allem Schwarze Jugendliche betroffen sind. Die Huffington Post weist darauf hin, dass es hier einen zunehmenden Zusammenhang mit suspensions gibt. Ebenfalls in der Huffington Post gibt es einen Artikel darüber, dass auch Gewerkschaften die Mass Incarceration ernst zu nehmen beginnen und es als ‚labor issue‘ begreifen (man fragt sich, wann die deutschen Gewerkschaften sich endlich einmal mit dem Gefängnissystem auseinandersetzen). The Atlantic hat nur noch Hoffnung in einen einzigen Menschen, dem Wahnsinn ein Ende zu setzen: US Präsident Barack Obama.

Jacobin Magazine setzt sich mit einem Argument auseinander, das häufig gegen die Entknastung verwendet wird: dass Gefängnisse gebraucht würden, um Frauen vor männlichen Gewalttätern zu schützen. Victoria Law argumentiert, dass gerade das Gefängissystem den am schwächsten gestellten Frauen in der Gesellschaft schadet. Die Washington Post plädiert dafür, Frauen grundsätzlich nicht mehr einzusperren, Jezebel greift den Vorschlag auf.

Prison Sucks, Folge II. Medienberichte zum Gefängnissystem in den USA

In unregelmäßigen Abständen veröffentlichen wir hier auch Medienberichte über das Gefängnissystem in Amerika.

Einen guten Überblick über die Situation bietet ein ca. 18-minütiger Clip des Comedian John Oliver, der u.a. mit Hilfe der Sesamstraße erklärt, wie fucked up alles ist.

Dafür gibt es auch jede Menge Belege, so schildert die New York Times die Zustände in einem Gefängnis in Mississipi: „Open fires sometimes burn unheeded in the solitary-confinement units of the East Mississippi Correctional Facility, a privately run state prison (…) Inmates spend months in near-total darkness. Illnesses go untreated. Dirt, feces and, occasionally, blood are caked on the walls of cells.“ Der New Yorker berichtet ähnlich Schlimmes von der Riverhead Penitentiary, bekannt aus der Serie ‚Orange is New Black‘. Wie sooft ist die Realität noch schlimmer als die Fiktion.

Der Zusammenhang von Armut und Gefängnisstrafe ist immer wieder auffällig. Hier der Bericht einer Frau, die im Gefängnis starb. Sie war inhaftiert worden, weil sie die Strafe dafür nicht bezahlen konnte, dass ihre Kinder die Schule verpassten. Die Privatisierung des Gefängnissystems in den USA führt ohnehin immer mehr dazu, dass auch sehr alte Insassen nicht entlassen werden, da jeder Häftling den Gefängnissen Geld bringt. Die Tagesschau bringt einen Beitrag zu Greisen hinter Gittern.

Und wie kommt irgendjemand überhaupt darauf, es wäre eine gute Idee, das Gefängnissystem zu privatisieren? Weil die Gefängnisindustrie sich Wissenschaftler kauft, die das in Gefälligkeitsgutachten bestätigen.

Prison Sucks, Neue Folge: Medienberichte zum Gefängnissystem in Amerika

In unregelmäßigem Abstand sammeln wir Medienberichte zum Gefängnissysten in den USA.

Die HuffingtonPost weist auf ein problematisches Anreizsystem hin: In Arizona, wo Gefängnisse privatisiert sind, hat sich der Staat gegenüber privaten Betreibern verpflichtet, immer für eine ausreichend starke „Auslastung“ der Gefängnisse zu sorgen und muss ansonsten hohe Strafen zahlen. Das sorgt dafür, dass es für den Staat teuer wird, eine niedrige Kriminalitätsrate zu haben. AEON Magazin bringt einen Artikel über Solitary Confinement und fragt: Was geschieht mit einer Gesellschaft, die solche Strafmethoden anwendet? Übrigens, Isolationshaft wird auch in Deutschland noch immer weit verbreitet angewendet. Der Guardian hat herausgefunden, dass in Kalifornien noch bis 2010 weibliche Gefangene zwangssterilisiert wurden. Der Rassismus spielt beim Prison-Industrial-Complex weiterhin eine entscheidene Rolle: Laut der HuffingtonPost werden fast die Hälfte aller schwarzen Männer unter dem Alter von 23 Jahren mindestens einmal verhaftet. Ebenfalls in der HuffingtonPost findet sich ein Bericht über die Auslassungen eines besonders sympathischen Sheriffs aus Arizona, der der Meinung ist, 56 Cent seien ausreichend, um Gefangenen ein Thanksgiving-Essen zu finanzieren. Die ACLU hat eine Kampagne gegen gegen lebenslange Strafe für nicht-gewalttätige Delikte gestartet, wovon momenntan über 3000 Menschen betroffen sind.

NPR widmet sich einem unserer Schwerpunktthemen, dem Zusammenhang von Verschuldung und Knast: Obwohl die Schuldknechtschaft in den USA durch ein Urteil des Supreme Court eigentlich abgeschafft ist, sind zahlreiche Menschen im Gefängnis, weil sie Gerichtskosten nicht gezahlt haben. Aber es gibt auch gute Nachrichten: Utah hat mal durchgerechnet, es ist billiger, obdachlosen Menschen Wohnungen zur Verfügung zu stellen statt sie ins Gefängnis zu werfen.

 

Sendung auf Radio X zu Angela Davis

Sendung auf Radio X zu Angela Davis

Axiom, 15.Januar 2014, 14-16 Uhr, Polizeikritik, Politik und Popkultur. Angela Davis in Frankfurt.

Eine Sendung von Jeanette Ehrmann, Felicia Herrschaft und Vanessa Thompson. Mit Beiträgen von Laura Digoh, Ibrahim Danbaki Habib und Daniel Loick.

play: Polizeikritik, Politik und Popkultur

Angela Davis ist emeritierte Professorin der University of California, Santa Cruz, und eine Wegbereiterin der kritischen Analyse von intersektionalen Formen sozialer Ungleichheit entlang von race, class und gender.

Sie studierte bei Theodor W. Adorno, Max Horkheimer und Herbert Marcuse und war in der Schwarzen Befreiungsbewegung aktiv. Weltweit bekannt wurde sie als politische Gefangene und als radikale Gefängniskritikerin.

Zum Wintersemester 2013/2014 hat das Cornelia Goethe Centrum für Frauenstudien und die Erforschung der Geschlechterverhältnisse (CGC) eine nach ihr benannte Gastprofessur für internationale Gender- und Diversity-Studies an der Goethe-Universität Frankfurt eingerichtet.

Aus diesem Anlass sprachen Jeanette Ehrmann und Vanessa Thompson mit Angela Davis über den gefängnisindustriellen Komplex in den USA und die Möglichkeiten, ihn als Analyserahmen auf Europa zu übertragen, über antirassistische feministische Praxis und Kritik und das emanzipatorische Potential von Popkultur. In der Sendung Axiom vom 15.02.2014 wurden diese Themen in Bezug zu Frankfurt diskutiert und in den Musikgenres Blues, Jazz, Rap und Spoken Word aufgespürt.